Mittwoch, 29. Juni 2011

AQAP, politischer Wandel und die humanitäre Krise - Jemen in den Medien der vergangenen Woche

Gefängnisausbruch von AQAP Mitgliedern:
Vergangenen Mittwoch, d.h. am 22. Juni, sind ca. 60 "militante Islamisten" aus einem Gefängnis in der süd-östlichen Hafenstadt al-Mukalla ausgebrochen. Auf welche Weise dies geschah und wie dieser Ausbruch zustande kam, ist allerdings unklar. Die möglichen Versionen rangieren von einem Tunnelausbruch über eine Mischung aus Aufstand von Innen mit der Hilfe anderer AQAP Mitglieder von Außen zu einem von Salih-Unterstützern inszenierten Ausbruch, der vor allem den USA Angst vor einem Jemen ohne Salih einjagen soll. Während AQAP-Experte Gregory D. Johnsen (siehe obiger Link) sich eher für die zweite Version ausspricht, weisen einige andere Punkte auch in Richtung Version drei: Zum einen geschah der Ausbruch zeitgleich mit dem Besuch des US-amerikanischen Stellvertretenden Staatssekretärs für Nahostangelegenheiten, Jeffrey Feltman, im Jemen und zum anderen sollen 12 als besonders gefährlich eingestufte Islamisten kurz vor dem Ausbruch in ein anderes Gefängnis verlegt worden sein. Jeffrey Feltman rief einen Tag nach dem Ausbruch zu einem "friedlichen Machttransfer" im Jemen auf, während der abtrünnige Generalmajor Ali Muhsin al-Ahmar Salihs Willen zu einem Sieg über al-Qaidah in Frage stellt und sich selbst als neuen Partner im Kampf gegen den Terrorismus anbietet.

Die politische Lage:
Währenddessen geht des Desinformationsspiel um Salihs Rückkehr weiter: Er kommt zurück, er kommt nicht so schnell zurück, er kommt gar nicht zurück, er wird in den nächsten Tagen eine Rede an die Nation halten. Solange die Frage seiner Rückkehr nicht geklärt ist, passiert offiziell gar nichts, inoffiziell jedoch eine Menge: Nach Kenntnissen dieses Blogautors ist auch Salihs Familie bzgl. seiner Rückkehr gespalten und einige Familienmitglieder haben ihn angeblich bei Besuchen in Riad dazu aufgefordert, nicht zurückzukehren. Dies gilt natürlich nicht für Salihs Sohn und Neffen, die weiterhin um das politische Überleben ihrer Familie kämpfen und daher die Möglichkeit, dass Salih nicht zurückkehren könnte, kategorisch ausschließen. Salihs Sohn, Ahmed Ali Salih, ist nach dieser Analyse selbst politisch nicht stark genug, um an die Stelle seines Vaters treten zu können, aber hat genug (militärischen) Einfluss, um die aktuelle Lage und inoffiziell laufende Verhandlungen aktiv beeinflussen zu können. Salihs offizieller Stellvertreter in Sanaa, Vizepräsident Abd Rabbuh Mansur Hadi, sieht sich währenddessen zunehmend dem Druck ausgesetzt, einen friedlichen Machtwechsel – unter anderem durch die Einrichtung eines Übergansrates – einzuleiten. Während in einigen jemenitischen Medien auch darüber spekuliert wurde, dass er aufgrund der Einschränkung seiner konstitutionellen Rolle durch die Familie des Präsidenten frustriert das Handtuch werfen und sich nach Aden absetzen können glauben versiertere Analysten wie Abd al-Ghani al-Iryani, dass Hadi sich langsam durchsetzen wird: "Hadi is only slowly and carefully beginning to assert his role as a constitutional and legitimate head of the executive," Mr Al Iryani said. He said if Mr Saleh's family continue to defy Mr Hadi "their popular support and sympathies, just like their ability to continue to control the military, would soon wither away". Offiziell zumindest hat Ahmed Ali Salih daher seine Unterstützung für Hadi und eine friedliche Lösung der aktuellen Krise erklärt. Er hat schon viel von seinem Vater gelernt.

Die Versorgungssituation:
Die humanitäre Situation verschärft sich währenddessen weiter. Eine Freundin postete heute auf Facebook, dass sie gerade 20 Liter Gas zu 600% des gängigen Preises gekauft hat – dies können sich nur wenige Jemeniten leisten. An den Tankstellen bilden sich kilometerlange Schlangen und viele müssen ihr Benzin auf dem Schwarzmarkt zu hohen Preisen kaufen, wo die Möglichkeit besteht, dass dieses mit Wasser vermischt worden ist. Es gibt kaum noch Elektrizität und noch weniger Diesel, um die Generatoren zu betreiben. Am schlimmsten ist jedoch um die Wasserversorgung bestellt: Viele Farmer können ihre Pflanzen nicht mehr bewässern, da ihnen das Diesel fehlt, um die Pumpen ihrer Brunnen zu betreiben. Mit dem Mangel an Wasser steuert der Jemen so mittelfristig auch auf einen Mangel an Nahrungsmitteln zu. Brotpreise haben sich bereits verdoppelt und in einem Krankenhaus in der Hafenstadt al-Hudaydah sind angeblich 15 Patienten aufgrund der andauernden Stromausfälle gestorben. Das World Food Programme spricht daher jetzt bereits von der größten je bekannten humanitären Krise im Jemen und gestern ist eine UN Mission in Sanaa eingetroffen, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. In der Zwischenzeit beschuldigen sich Opposition und Salih-treue Kräfte gegenseitig, die Situation absichtlich zu verschärfen. Während sich Saudi-Arabien einem Ansturm illegaler Flüchtlinge über die gemeinsame Grenze mit dem Jemen ausgesetzt sieht und die Hilfslieferungen aus dem Königreich offensichtlich nicht ausreichen, um die Lage zu entschärfen, drohen nun hochrangige Regierungsmitglieder mit einer Militäroperation in der Provinz Ma'rib, um die beschädigte Militärpipeline wieder herzustellen.

Montag, 20. Juni 2011

Salehs Gesundheitszustand, die neue Anti-AQAP-Strategie der USA und die Top-Twitterer weltweit


Jemen in den Medien der vergangenen Woche

Vor ungefähr 2 Wochen bat eine der zahlreichen Facebook-Seiten zur jemenitischen Revolution, genannt News of the Yemeni Revolution, ihre Mitglieder um Abstimmung zur folgenden Frage: "Who forms the greatest risk to Yemen?" Von den 109 abgegebenen Stimmen entfielen 14% auf die al-Ahmar Familie, 27% auf Salehs Sohn und Neffen und 60% auf Saudi-Arabien und die USA. Mein etwas zynischer Kommentar hierzu war: "Why blame things on Yemeni actors if you can blame it on outsiders?" Nach den Entwicklungen der vergangenen Woche frage ich mich, ob dieser Kommentar nicht etwas voreilig war.

Während das Desinformationsspiel über Salehs Gesundheitszustand weiterhin anhält und es nun auch Spekulationen darüber gibt, dass Saleh nach Deutschland verlegt werden könnte, planen die USA nach Berichten des Wall Street Journal eine Ausweitung ihrer Dronenangriffe auf al‑Qaidah-Mitglieder im Land. Die derzeitige Sicherheitslage im Jemen mag tatsächlich – wie von den USA behauptet – al‑Qaidah in die Hände spielen (dies ist jedoch noch keineswegs bewiesen). Gleichzeitig nutzen die USA jedoch die limitierte Regierungsfähigkeit von Saleh und seinem Stellvertreter in Sanaa, Abd Rabbuh Mansur Hadi, um sich durch eine Verlagerung ihres Antiterrorprogramms hin zur C.I.A. die Möglichkeit zu weiteren Angriffen auch für den Fall offenzuhalten, dass die jemenitische Regierung ihre bisherige Kooperation mit den USA im Antiterrorkampf beendet. Demnach bauen die USA derzeit an einem geheimen Luftstützpunkt im Persischen Golf, um von dort aus vermehrt Angriffe fliegen zu können. Letzte Woche wurden nach Angaben dieses Artikels in der New York Times mehrere "militant suspects" in der südlichen Provinz Abyan getötet, aber auch vier Zivilisten.

Und so sind wir hier schon bei zwei zentralen Problemen dieser Vorgehensweise – neben ihrer rechtlichen und innenpolitischen Legitimiertheit – angekommen: Das erste, offensichtliche Problem, bereits bekannt aus Afghanistan und Pakistan und ebenso aus früheren Ereignissen im Jemen (an eines von diesen und seine Konsequenzen erinnert uns der Christian Science Monitor), ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass bei solchen Angriffen Zivilisten ums Leben kommen. Und auch wenn die USA es also auf diese Weise schaffen sollten, einige wichtige Mitglieder von AQAP (al-Qaidah on the Arabian Peninsula) auszuschalten, wird diese Vorgehensweise gemäß der informierten Analyse von Gregory D. Johnsen (Experte zu AQAP im Jemen), letztlich nur dazu führen, dass AQAP im Jemen mehr Zulauf erhält und weiter erstarkt.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die USA wirklich dazu in der Lage sind, al‑Qaidah-Mitglieder im Jemen von anderen bewaffneten Kämpfern für die eine oder andere Sache bzw. von solchen Menschen zu unterscheiden, die Kontakt zu AQAP-Mitgliedern haben, aber nicht AQAP-Mitglieder sind. Sollten die USA hierzu nicht in der Lage sein, was angesichts der Informationslage im Land höchstwahrscheinlich ist, wird von "zielgerichteten" Angriffen auf ausgewählte AQAP-Führungsmitglieder nicht mehr die Rede sein können. Dies bedeutet schlussendlich, dass sich die USA auf dem Weg in einen weiteren Krieg befinden, der für beide Seiten nur schlecht ausgehen kann: Der jemenitischen Bevölkerung droht eine weitere Verschlechterung der Sicherheitslage und das nächste Votum der für Demokratisierung protestierenden jemenitischen Jugend, wer die größte Bedrohung für das Land darstelle, wird noch eindeutiger gegen die USA ausfallen. Eine der bekanntesten Aktivistinnen der Jugendbewegung im Jemen, Tawakkul Karman, schrieb in ihrem Op-Ed für die New York Times am Samstag: "Because America has invested so heavily in Yemen’s security forces, it now seems that a transition to democracy will depend on whether Washington believes that investment will remain secure. The establishment of a new government will therefore be contingent on American officials’ approving the country’s new leaders. Sadly, it seems likely that the United States will support figures from the old regime rather than allow a transitional government approved by the people to take control of Yemen. This would be a grave mistake."

Noch ein Zusatz: Wer stets up-to-date sein möchte, kann sich aus dieser Liste der Top-Twitterer von Foreign Policy seine Favoriten herauspicken.

Samstag, 18. Juni 2011

Der jemenitische Dolch

Unten stehend findet sich meine Rezension zu einem kürzlich erschienenen Bildband über die janbiyah, den jemenitischen Dolch. Dieser ist einer der prominentesten Artefakte jemenitischer materieller Kultur und aufgrund seiner semantischen wie auch ästhetischen Vielfalt ein faszinierendes Forschungsobjekt (und daher auch unter anderem Gegenstand meiner Doktorarbeit über Waffenkultur im Jemen). Der unten vorgestellte Bildband kann trotz einiger Fehler und Mängel jedem/r zum Kauf empfohlen werden, der/die sich für den Jemen und seine materielle Kultur begeistern kann.

Dienstag, 14. Juni 2011

Stephen Gracie (2010): Jambiya. Daggers from the Ancient Souqs of Yemen (Review) - Updated

I find it fitting to start this blog with the janbiyah (pronounce: jámbiya), the Yemeni dagger that is of major concern for my PhD thesis in-the-making on Yemeni weapon culture.  The janbiyah is one of the most prominent cultural markers of Yemeni manhood.  It is especially widespread in the northern highlands of the country and in some regards also in Hadramawt and the Tihama, but you will rarely find it worn by men from Aden.  The janbiyah features prominently in certain (tribal) rituals such as the bar‘a (a dance-like ritual practice performed by men at many different occasions) as well as in ‘urf, i.e. customary law.  The dagger as part of the ancient warrior's as well as of the nobleman's dress can be dated back to sixth century B.C. and over the past few decades it has become a symbol of Yemeni national identity.  Even though most Yemenis would claim otherwise, insisting that it is zīnah [adornment] only, the dagger also continues to be used as weapon in short-range fighting.

The janbiyah is one of the most prominent objects of Yemeni material culture.  Despite this fact, hardly any research has gone into studying its various forms and socio-cultural dimensions.  Its manifold types and variations have thus never been more beautifully documented than in Stephen Gracie's illustrated book Jambiya. Daggers from the Ancient Souqs of Yemen with photographs by Uri Auerbach.  We are introduced to Yemen's long and varied history and the first archeological artifacts documenting the history of the Yemeni dagger.  Gracie shows how the janbiyah as male adornment was strengthened with the advent of Islam and provides us with some interesting theses in regard to when and why the janbiyah acquired its bent shape.  He also documents the impact of the Ottoman Empire, which occupied parts of Yemen in the 16th and 17th and again in the 19th and early 20th centuries, and Eastern Yemen's long-standing ties with India on South Arabian weaponry as such as well as on the manufacture of the janbiyah scabbard and the hilt.  Due to the limited lifespan of the different dagger parts, janābī (pl. of janbiyah) older than 200 years are very rare indeed.  The more fascinating is the find of a thūmah (a variation of the janbiyah) presented to us in chapter 3, whose silver scabbard can be dated back to 1707 AD and whose belt can be dated to 1729 AD by way of a paper scroll found in an amulet case sown onto the belt.  It thus predates the janbiyah bought in Sanaa in 1763 by the Danish traveler Carsten Niebuhr, which is one of the earliest known specimens to exist today, by over 50 years!

The social relevance of the janbiyah is documented by Gracie in his chapters 1.1 Cultural significance, manhood and social class as well as 1.2 The cult of the Jambiya.  Different types of janābī denoted the belonging to different social groups with the ‘asīb, for example, being worn by tribesmen and the thūmah by the religious elite of the Zaydī North, the sāda and quāt.  The sāda (or "Sayyids", as Gracie calls them (p. 33)) were however not, as he claims, of tribal origin.  Since the revolution against the imamate in the 1960s, the strict rules as to what type of dagger could be worn by which social group were relaxed and "most in Sana'a have since adopted the Assib style".  Unfortunately, we do not learn why the ‘asīb has taken such prominence over other janbiyah styles.

Accompanied by the beautiful photographs of Uri Auerbach, Gracie takes us through a day in the Old City of Sanaa, starting from the Morning Prayer.  We are introduced to a number of men involved in the manufacture and trade of the different dagger parts in chapters 4 and 7. Chapter 8 provides a fascinating and well-documented overview of the different regional scabbard and hilt styles.  I know of no other source that provides such a detailed account, accompanied by so many beautifully photographed specimens of the different variations.  Gracie and Auerbach truly provide us with a wealth of information here and it becomes clear why Yemenis refer to the janbiyah as "treasure trove" [khazīnah]!

Unfortunately, Gracie's fascination for the janbiya and his efforts in documenting its diversity meet their limits in Gracie's lack of knowledge of the Arabic language. We meet numerous misspellings, of which “Assib” instead of “‘asib” is maybe the most bearable one. But “qanum” (p. 206) instead of “qanun” [law, statute] is less tolerable, although “Meuzzin” (p. 121) instead of “Muezzin” may just be another of the numerous typos we encounter on many pages of the book. More significant, unfortunately, are the mistakes he makes when documenting the manufacture of the dagger hilts (pp. 187‑193), which can either too be attributed to his lack of knowledge of Arabic or to the numerous pitfalls of disinformation one encounters when doing research in the Suq al-Janabi, the dagger market in the Old City of Sanaa. “Al‑Zerraf” is therefore not, as Gracie claims (p. 193), a family known to manufacture black rhinoceros hilts. Instead, zurraf or zurrafa is Arabic for giraffe and has—for unknown reasons—come to denote rhino horn hilts in their earliest stage of maturation when the horn is still of a greenish-black color. Neither is “Al‑Saifani” a family name (p. 191), but “sayfani” stands for the best stage of rhino horn hilt maturation (60 years and older), which can only be reached if such hilts have constantly been handled and treated with special care.

From my knowledge, Gracie has financed his research, the work of the photographer, and the layout and printing of this book out of his own pocket and without any funds from outside.  This justifies the relatively high price of 95 USD for this beautifully illustrated and exceptional book.  A better binding and fewer spelling mistakes would have made the price even easier to bear.  Nonetheless, Gracie and Auerbach have provided us with a gem of a sourcebook on the Yemeni dagger that ought to be in the possession of everyone fascinated with Yemen and its material culture!



Full bibliographical details:
Stephen Gracie (2010): Jambiya. Daggers from the Ancient Souqs of Yemen, with photographs by Uri Auerbach, Sydney: Stephen Gracie Pty. Lt.

The book is available via the author yemenjambiya[at]gmail.com.


Update (March 2013): Some of the mistakes I claimed to have identified in Steve's book turned out not to be mistakes after all. For example, whereas the origin of the term "zerraf" is still unknown today (although it might have come from a family involved in dagger production), the term "sayfani" indeed is a family name that has come to denote mature rhino horn hilts. I have recently published a glossary on dagger-related terms in which I provide more details and which I have compiled amonst others with the kind support of Steve.